
Katharina Greve: Meine Geschichten von Mutter und Tochter
Wie beschreibt man ein Buch ohne Worte angemessen mit Worten? Hier ein Versuch: Mutter, Tochter, Bild-Witz, Warm-ums-Herz.
Sind Sie im Bilde?
Nein? Nun gut: Rund 90 Jahre nach Erscheinen des Bildgeschichten-Klassikers „Vater und Sohn“ von e.o. plauen alias Erich Ohser kreiert die Berliner Künstlerin Katharina Greve mit „Meine Geschichten von Mutter und Tochter“ eine moderne und ja, gänzlich weibliche Hommage an die zeitlosen Bildgeschichten, die ich in meiner Kindheit geliebt habe. Entstanden sind 42 amüsante, kluge, alltagsnahe und vor allem herzerwärmende Einblicke in das Leben einer alleinerziehenden Mutter mit ihrer kleinen Tochter. Die Comicstrips sind zuvor als Webcomic Woche um Woche auf der Social-Media-Seite der Künstlerin erschienen und ich habe mit den beiden mitgefiebert.
Umso größer war meine Freude, als diese Geschichten – plus ein paar Bonus-Kapitel – in einem Buch zusammenfanden.
Gleich in der ersten Geschichte eine Referenz an das Original: Mutter und Tochter vertiefen sich so sehr in ein Buch, dass Seife im Tee und Teewasser in den Blumen landet – und sie lesen … was sonst? „Vater und Sohn“. An anderer Stelle spielen sie Beachball am Strand, wobei sich dieser im nächsten Panel als überdimensionaler Bildschirm im Elektromarkt herausstellt. Sie treten auch politisch auf und übermalen mal schnell beim Vorbeigehen ein Hakenkreuz mit einem Mistkübel.
Herrlich ist die Doppelszene, wo zuerst die Mutter Zuckerl auslegt, damit die Tochter den Müll entsorgt und dann umgekehrt die Tochter ihre Mutter mit schmutziger Wäsche zu einem Blumenstrauß lotst. Und immer wieder taucht das Motiv der laufenden Waschmaschine auf. Der Blick in die Trommel als kostengünstiger Zeitvertreib und willkommene Ablenkung, später auch als verbindendes, emotionales Momentum der beiden. Der Wunsch nach einem Fernseher dürfte dennoch vorhanden sein, wie der wiederholte Gang in den Elektromarkt zeigt.
Im Gegensatz zur Vorlage stellt Katharina Greve ihren Comicstrips keine Überschriften voran, ersetzt sie stattdessen durch Piktogramme wie Buch, Waschmaschine, Zuckerl – da bereitet auch das Betrachten des Inhaltsverzeichnisses am Ende des Buches Vergnügen, und regt (zumindest mich) zum Erfinden eigener Titel an.
Ein weiterer Unterschied zu „Vater und Sohn“ ist der Einsatz von Farbe. Die Künstlerin verwendet pastellige Farben, koloriert dezent einzelne Details ihrer Schwarz-Weiß-Illustrationen, bei denen kein Strich zu viel oder zu wenig ist. Grandios setzt sie auch Geräusche, Gefühle, Gedanken und Bewegung ins Bild. Die neuen Mutter-Tochter-Geschichten sind für mich ein kunstvoll durchkomponierter Genie-Streich und eine Zeitreise zugleich.


