Will Gmehling: Stuxx

Wuppertal: Peter Hammer 2026, 288 S., € 17,50, ab 13

Will Gmehling beginnt seinen neuen Roman mit einem klassischen Missverhältnis: große Sehnsüchte auf der einen und ernüchternde Wirklichkeit auf der anderen Seite. Ein Ich-Erzähler, der von einem Ford Thunderbird träumt und einem Leben mit Stil und Coolness. Was ihm im Spiegel entgegenblickt, ist jedoch ein pickeliger knapp Vierzehnjähriger mit einem – wie er selbst sagt –„Schraubenschlüsselkopf“. Mit seinem Vater und der kleinen Schwester lebt Stuxx in einem heruntergekommenen Viertel einer Großstadt. Die Mutter hat die Familie vor vier Jahren verlassen, kommentarlos fast. Geblieben ist eine Leerstelle, an der Wut und Sehnsucht oszillieren. Der Vater, Straßenkehrer mit krummem Rücken, hält den Alltag am Laufen, zuverlässig und von einer stillen Fürsorge getragen. Gmehling zeichnet diese Vaterfigur ohne Pathos, aber zärtlich: ein Mann, der „die Welt sauber macht“ und dabei unsichtbar bleibt. Auffälliger ist da schon Sohn Stuxx, ein für die gegenwärtige Jugendliteratur unkonventioneller Held: ein Junge, der Fleisch liebt und alte Straßenkreuzer. Der Klimawandel ist ihm so egal wie andere gesellschaftspolitische Themen. Auch deshalb eckt er In der Schule an – und wirkt insgesamt eher schroff als sensibel.

Will Gmehling interessiert sich seit jeher für Milieus jenseits akademischer Selbstverständlichkeiten, für Figuren ohne geschmeidigen Ausdruck aber mit solidem moralischem Kompass. Stuxx ist unsicher, wütend, manchmal vulgär, aber auch aufmerksam und loyal seiner Rest-Familie gegenüber und offen für Erfahrungen, die er selbst nicht erwartet hätte. Eine der schönsten Überraschungen dieses Romans ist, dass Gmehling den Jungen als Flaneur inszeniert. „Ich ging so vor mich hin“ – der scheinbar beiläufige Satz bekommt hier Gewicht. Stuxx durchstreift die Stadt zu Fuß oder mit seinem klapprigen Rad. Er sieht den Dreck, die müden Häuser, die Gestrandeten am Rand der Gesellschaft. Aber auch das Unerwartete, manchmal sogar das Schöne. Vor allem der Fluss, der zwischen all dem ständig fließt, hat es ihm angetan, wird für ihn eine Art dritter Ort, an dem er bei sich ist.

 

Will Gmehling: Stuxx

 

Gmehling arbeitet konsequent mit der Ich-Stimme, die den Roman trägt: Sie ist authentisch: direkt, manchmal ungelenk, dann wieder verblüffend treffsicher und hin und wieder sogar ungewollt poetisch. In ihr bündeln sich Trotz, Sehnsucht und Eigensinn. Dass Stuxx plötzlich Wörter wie „betörend“ verwendet, wirkt nicht bemüht, sondern wie ein tastendes Sich-Hineinfinden in eine neue Ausdrucksfähigkeit. Zwei Figuren sind es vor allem, die diese Öffnung vorantreiben. Da ist Luzie Karsunke, das Mädchen aus der Parallelklasse, in das Stuxx verliebt ist und das er mit der Eleganz eines Cadillacs vergleicht – eine unbeholfen anachronistische Metapher, die viel über ihn erzählt. Und da ist sein Mitschüler Gong Hwangbo, Gegenpol und zugleich idealer Sidekick: gebrochen hochgestochen im Ausdruck, gesprächslustig, mit einem Blick für das Schöne in der Welt und immer mit einer Portion Kimchi im Gepäck, die „explosiv und delikat“ zugleich ist. Die Szenen zwischen Gong und Stuxx gehören zu den stärksten des Buches – sie sind witzig, warm und oft klug. Wenn Gong fordert, man solle sich „nur noch um das Herrliche kümmern“, dann ist das zugleich naiv und tiefsinnig.

Dass Gmehling seinem Helden zudem noch ein Talent schenkt – ausgerechnet im Boulespiel, entdeckt im Park unter Rentnern –, ist ein fast märchenhafter Moment in diesem realistischen Erzählen. Aber die kleinen Wunder – die Begabung, Kugeln präzise zu werfen, eine Ausfahrt mit einem Thunderbird, die Zähmung eines Pitbulls – sorgen für zarte Verschiebungen im Alltag und öffnen Räume, in denen Entwicklung möglich wird.

Stuxx findet eine Sprache auch für das, was in ihm vorgeht. Nicht dass er am Ende ein ganz anderer wäre, aber sein Blick auf das eigene Gesicht wie auf die Welt hat sich geändert. Die Mutter ist immer noch die Frau, die einfach weggegangen ist, aber er kann sich auf ihren Versuch zurückzukommen, einlassen. Die Stadt ist immer noch „ödes Gebiet“, aber auch ein Raum, in dem sich Leben entfalten kann. In diesem Roman über Zugehörigkeit, soziale Wirklichkeit und die Möglichkeit, sich in ihr zu behaupten, ohne sich selbst zu verlieren, folgt man am Ende gern dem Ich-Erzähler Stuxx, wenn er zur Überzeugung kommt: „Hiersein war herrlich.“ 


Franz Lettner