Iris Hannema: Schattenbruder

Daniel ist Täter und Opfer, verursacht Leid und leidet selbst – dieser Ich-Erzähler balanciert ständig auf einem Grat.

Aus dem Niederländischen von Rolf Erdorf. Stuttgart: Verlag Freies Geistesleben 2021
336 S. | € 20,60



„Jetzt steht mir nur noch Schwarz“. Als ihr großer Bruder Alec bei einem Tauchgang auf der japanischen Insel Ishigaki stirbt, ist Hebes Leben in zwei Teile geschnitten. So als wäre sie für immer von ihrem glücklichen Teil getrennt. Mit Alec lebte sie in ihrer eigenen kleinen Welt, er war bei ihr, auch wenn er unterwegs war: „Er bewegte sich mit mir mit, ohne dass ich ihn sah, ein Schattenbruder“. Nie hat sie darüber nachgedacht, wie sie ohne ihn sein sollte, er war ihre Orientierung, ihr Leitstern. 
Noch auf seiner letzten Ansichtskarte hat er ihr ein Ziel gegeben – Japan, mit dem sie beide sich stark verbunden fühlten. Und so steigt das junge Mädchen in ein Flugzeug, lässt ihr altes Leben in Amsterdam hinter sich wie auch ihren Namen, Hebe:  „Es ist der Name von einer, die ich nicht mehr sein will. Ab jetzt heiße ich Girl, ein Name ohne Vergangenheit, so anonym wie eine Reisende.“

In ihrem Debutroman „Schattenbruder“ lässt Iris Hannema die Ich-Erzählerin durch Tokio streifen, in einer Jugendherberge wohnen, Tempel und Kaffeehäuser besuchen. Sie macht dabei die gigantische bunte „Krakenstadt“ als Schauplatz ebenso lebendig wie die kulturellen Unterschiede, etwa Tischsitten und Umgangsformen nachvollziehbar. Die Autorin vermittelt die Faszination der uns fremden Kultur („Sich als Ausländer in Japan zu integrieren ist wie ein Kreuzworträtsel auf Georgisch“) und die Atmosphäre der Mega-Metropole in eindrucksvollen Bildern, ohne dabei ihre Hauptfigur aus dem Fokus zu verlieren.



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Das gelingt ihr vor allem deshalb so gut, weil sie Hebe eine klare Sprache gibt und die Fähigkeit, genau zu beobachten. Nicht nur, was das äußere Umfeld betrifft. Das Mädchen seziert auch ihr eigenes Innenleben mit schmerzhafter Genauigkeit, sogar wenn sie sich betrinkt, ist sie in analytischer Distanz zu sich selbst. Doch wenn es um andere Menschen geht, wird ihre Wahrnehmung unscharf. Das betrifft ihre beste Freundin Astrid, deren gefühllosen Egozentrismus Hebe erst in Japan sehen und die vergiftete Freundschaft beenden kann, und es betrifft erst recht ihre Liebe zu Alec. Die extreme emotionale Abhängigkeit von ihrem Bruder verschleiert den Blick auf ihn, seine wahren Gefühle und damit auch auf die Umstände seines Todes. Bis sie selbst die Insel besucht, auf der er gestorben ist. Bis sie sagen kann: „Ich bin frei, ich bin, wer ich bin, und auch ohne ihn bin ich.“

Die jugendliche Protagonistin auf ihrer Identitätssuche auf eine Reise zu schicken, ist kein neues Motiv, Reisen verschafft nun einmal nötigen Abstand und Überblick. „Unterwegs besichtigt man vor allem sich selbst.“ Doch nur selten gelingt dabei auch die Darstellung von Unterwegs sein in all seinen Widersprüchlichkeiten zwischen Freiheit und Einsamkeit so facettenreich. Hannema, die bisher als Reisejournalistin publiziert hat, weiß, wovon sie da erzählt. Und bemüht sich um größtmögliche Treffsicherheit des Ausdrucks. Nicht umsonst ist es auch dieser Aspekt, der Hebe an Japan fasziniert: „Ein ganzes Volk, das aus Respekt vor dem Gegenüber behutsam mit Worten ist, da gehörten wir hin.“

Der erzählerische Twist, dass Hebes Handy schon beim Einsteigen ins Flugzeug kaputt geht und sie bewusst kein neues kauft, weil sie von Amsterdam in Ruhe gelassen werden will, gibt der Erzählerin die Gelegenheit, immer wieder über das Thema zwischenmenschliche Kommunikation zu reflektieren. Und es ist offensichtlich, dass die modernen Technologien bei aller Nützlichkeit auch problematisch gesehen werden: Wenn es die Essenz von Höflichkeit ist, jemandem wenn auch nur für kurze Zeit seine volle Aufmerksamkeit zu schenken, ist der ständige Blick auf einen Bildschirm eher kontraproduktiv.

„Schattenbruder“ ist ein ruhig erzählter Roman, der nicht überbordend viel äußere Handlung aufweist und auf den doch zutrifft, was die Protagonistin notiert: „Verrückt (…), wieviel passieren kann, obwohl faktisch nichts passiert.“

Karin Haller