
Franz Suess: Jakob Neyder
Es ist Sommer, es sind Ferien, es ist heiß. Ein Junge, er heißt Jakob Neyder, gerät auf der Straße einer Kleinigkeit wegen in Streit mit einem Autofahrer, verletzt ihn – wie er vermutet – schwer und rennt davon. Immer wieder durchsucht er in den Tagen danach die aktuellen Meldungen nach Berichten über den Vorfall, findet nichts. Wird zunehmend unruhig und gereizt, fühlt sich verfolgt, wenn er draußen auf der Straße unterwegs oder unter Leuten ist. Wird er von der Mutter oder seinen Freunden gefragt, was los sei mit ihm, wehrt er unwirsch ab. Niemandem erzählt er von der Auseinandersetzung.
Mit seinem alten Hund und seinem Freund Tim verlässt Jakob die Stadt und fährt in das heruntergekommene Sommerhaus auf dem Land, wo die Hitze nicht weniger drückend ist. Die zwei Jungs langweilen sich, geraten immer wieder in Streit, haben Sex miteinander. Sie streunen durch die öde Landschaft, treffen zwei, drei Mal kurz mit anderen Menschen zusammen, schwimmen in einem Waldsee. Später taucht Jakobs Freundin Susi überraschend auf – mit guter Laune und Pillen im Gepäck. Ausgelassen aber wird der gemeinsame Abend nicht, trotz Alkohol, Drogen und Sex. Jakob wird immer aggressiver, beschimpft seine Freunde, bleibt schließlich allein mit dem Hund zurück. Er verliert sich immer mehr in Traum- und Wahnvorstellungen und ertrinkt am Ende im See.
Das alles klingt nach einem nicht überaus originellen Plot eines Jugendromans über ein scheiterndes Coming of Age. Vielleicht – im Ansatz – auch nach einer Art Alptraum-Variante der Geschichte von Maik Klingenberg und seinem Freund Tschick, die in einem geklauten Lada übers Land fahren. Oder nach „Rolltreppe abwärts“ ohne Happy End. Letzteres trifft auf „Jakob Neyder“, die jüngste Graphic Novel von Franz Suess jedenfalls zu. Der österreichische Autor und Illustrator, der sowohl für seine Bilderbücher als auch für seine Comics mehrfach ausgezeichnet wurde, ist nicht für übertrieben fröhliche Geschichten bekannt. Im Mittelpunkt seines Erzählens stehen meist randständige Milieus und Außenseiter, die auf der Suche nach ihrer Identität sind oder um ihre Existenz ringen. Angesichts dessen ist man zunächst fast überrascht über das Cover von „Jakob Neyder“. Es zeigt seitenfüllend ein auf dem Kopf stehendes Gesicht eines Jungen: rote Haare, markante rote Augenbrauen, schmale Nase, schmaler Mund. Dort, wo das Gesicht in den Hals übergeht, sind rechts und links zwei Streifen seiner Oberbekleidung zu sehen, einer grün, einer blau.

Es scheint sogar, als lächle der junge Mann leicht. Dass es weder für ihn, noch für die Lesenden etwas zu lachen gibt, wird indes schnell klar, wenn man das Buch aufschlägt: Bevor noch die eigentliche Handlung einsetzt, schauen auf vier ganzseitigen Porträts ein Hund, eine Frau, ein Mädchen und ein Junge aus dem Dunkel des Buchs heraus, ohne aber jemanden direkt anzusehen. Ratlose, verlorene Gesichter, die über Jakob Neyder sprechen, als stünden sie an seinem Grab.
Im ersten der drei folgenden Teile der Erzählung, der in der Stadt angesiedelt ist, verzichtet Franz Suess auf Farbe und beweist seine Meisterschaft im Umgang mit Linie und Licht, die er außerordentlich effektiv einsetzt. Das Halbdunkel ist seine Domäne. Es sorgt trotz der klaren und gleichmäßigen Seitenarchitektur für Beklemmung in den Innenräumen und eine bedrohliche Atmosphäre draußen, auf der Straße, später auch in der gottverlassen anmutenden Landschaft.
Es sind die Bilder, die es nachvollziehbar machen, dass sein Protagonist Jakob sich ohne eigentlich erkennbaren Grund nach und nach in einer Art Verfolgungswahn verstrickt. Dass jene gut zwei Drittel der Geschichte, die auf dem Land spielen, koloriert sind, ändert daran nichts. Suess arbeitet nicht naturalistisch, die Körper seiner Figuren verlieren immer wieder die Form, die Landschaft gerät unter der grellen Sonne düsterbunt, am Ende ist alles ungesund rot eingefärbt.
Der knappe Text besteht nur aus kurzen Dialogen – was den Eindruck der Sprachlosigkeit, der schon durch die Bilder generiert wird, noch verstärkt. Insgesamt entsteht so eine beeindruckende Szenerie für die lapidare Inszenierung der Geschichte eines Jungen, über den wir nur wenig erfahren: Dass er bei seiner Mutter lebt, in seiner Clique geschätzt wird: „Lieb“ sei er, wenn auch „ein wenig zu selbstbezogen“, sagt Susi, Tim nennt ihn „cool“ und „sexy“. Kleine Szenen deuten darauf hin, dass Jakob sensibel ist und bestimmt ist er latent aggressiv, aber auch nicht mehr als andere junge Männer. Es bleibt erstaunlich, dass dieser Junge so radikal untergeht.
Man kann es auf das Schicksal schieben, auf diese eine Situation zu Beginn, die unerwartet aus dem Ruder läuft. Man kann die grundsätzliche Unfähigkeit aller Figuren in dieser Geschichte, miteinander zu reden, verantwortlich machen. Was Franz Suess, der schon 2024 für das Manuskript von „Jakob Neyder“ mit dem hoch dotierten Berthold Leibinger Comicbuchpreis ausgezeichnet wurde, jedenfalls meisterhaft zeigt ist, wie schmal der Grat sein kann, auf dem Jugendliche unterwegs sind, um erwachsen zu werden.
