Lucy Adlington: Das rote Band der Hoffnung

Das rote Band der Hoffnung“ ist ein Buch, das den Holocaust auch jungen Lesenden emotional näher bringt, zum Nachdenken und zum Gespräch anregt über eine Vielzahl von Themen und Fragen.

Aus dem Englischen von Knut Krüger. Bamberg: Magellan 2021
336 S., € 18,50

„Wir vier: Rose, Ella, Mina und Carla. In einem anderen Leben wären wir vielleicht Freundinnen geworden. Aber das hier war Birkenau.“ Mit diesen unaufgeregten Zeilen führt die britische Autorin Lucy Adlington in ihren neuen Jugendroman „Das rote Band der Hoffnung“ ein. 

Vor drei Wochen wurde die Ich-Erzählerin Ella als Jüdin in das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau verschleppt, nun steht sie vor der Tür der Nähwerkstatt und weiß – sie muss hier Arbeit bekommen: „Wer nicht arbeiten konnte, blieb nicht am Leben. So einfach war das.“ Also gibt sich die Vierzehnjährige als sechzehn und als Zuschneiderin aus – schließlich hat sie bei ihrer Großmutter nähen gelernt. Und fertigt nun die schönsten Kleider für die Frauen der Offiziere und die Aufseherinnen an – denn nur dafür wurde die „Maßschneiderei“ von Madame H., der Frau des Lagerkommandanten, gegründet. Dort trifft sie auch Rose, die ganz anders ist als die kämpferische Ella, hilfsbereit und mitfühlend bis hin zur Selbstlosigkeit. Nach und nach werden die beiden unterschiedlichen Mädchen doch Freundinnen und träumen von einem Leben nach dem Lager …

 

adlington rote band

Ohne Effekthascherei erzählt Ella detailreich von den Abläufen im KZ, vom Morgenappell, der um vier Uhr früh  mit Trillerpfeifen beginnt, bis hin zum Abend, wo die Frauen in den Barackenblocks zu Hunderten auf feuchten Holzpritschen zusammengepfercht werden. Hunger und Kälte bestimmen das Leben – „Ich war drauf und dran, auf einem Stück Seide herum zu kauen, um überhaupt etwas im Mund zu haben“, und Schmutz: Waschräume oder Toiletten gibt es nicht – als Ella die Nähwerkstatt betritt, ist sie von der Sauberkeit dort überwältigt: Es gibt nicht nur Seife, sondern „sogar ein Handtuch – ein Handtuch! Das kalte Wasser, das aus dem Hahn lief, war ein fast hypnotischer Anblick.“ 

Besonders deutlich wird nicht nur der alltägliche Überlebenskampf, um den Gaskammern zu entkommen, sondern auch das perfide hierarchische System, das die Nazis im Lager installiert haben. Ella ist nicht nur der Willkür der Aufseherin Carla ausgesetzt, deren vorgebliche Freundlichkeit von einem Moment auf den anderen in Brutalität umschlägt, sondern auch der Vorarbeiterin Mina, eine der sogenannten „Funktionshäftlinge“, der „Kapos“: Die können zwar genauso hart bestraft werden wie alle andern, genießen aber auch Privilegien und Macht, die sie nicht aufs Spiel setzen wollen - und sie schikanieren die Schwächeren. Mina kennt nur ein einziges Motto: „Tu, was du tun musst, um zu überleben.“ Und Ella hält sich daran…

Das System ist daraufhin ausgerichtet, dass zwischen den Gefangenen kaum Solidarität entstehen kann – und doch: „So grausam Birkenau auch war, so konnte es Liebe und Großzügigkeit unter den Menschen doch nicht vollkommen ausrotten.“ Das ist es, was Lucy Adlington erzählen will. Dass auch in einer Welt unvorstellbarer Unmenschlichkeit Menschlichkeit möglich ist. Die Frauen in der Nähwerkstatt, die Ella den Stoff für ein Kleid zukommen lassen, symbolisieren wie die Figur der Rose die Kraft einer Freundschaft und Solidarität, bei der man sogar das eigene Leben riskiert. 

„Das rote Band der Hoffnung“ ist ein Buch, das den Holocaust auch jungen Lesenden emotional näher bringt, zum Nachdenken und zum Gespräch anregt über eine Vielzahl von Themen und Fragen: natürlich über den zeitgeschichtlichen Kontext und die exakt recherchierten historischen Dimensionen bis hin zu Details wie der Bedeutung von Kleidung und äußeren Symbolen, und vor allem über Humanismus und das Zusammenleben in einer Gemeinschaft.  „Ich will beweisen, dass der Mensch auch noch in der Hölle Mensch bleiben kann“, erklärte Viktor Frankl in seinem weltweit bekannten Buch „Trotzdem Ja zum Leben sagen.“ 

Die Hoffnung nicht zu verlieren, ist eine der entscheidenden Fähigkeiten dabei. Bei Adlington, die ihrem Jugendroman ein positives Ende nach der Befreiung Birkenaus zuschreibt, ist diese Fähigkeit zu hoffen nicht umsonst. 

Karin Haller