
Jetzt fang ich dich
DIE männliche Führungskraft im Tierreich schlechthin, nämlich Papa Löwe, schickt seinen Nachwuchs aus, um das Familybusiness zu übernehmen: »Es wird Zeit, dass du lernst, eine Gazelle zu fangen, ganz allein.« Dass der Sprössling diese Aufgabe gähnend als »babyleicht« abtut, entpuppt sich als großer Irrtum. Denn sein Gegenspieler erweist sich als flink und schlau. So erfährt der kleine Jäger trotz strategischer Herangehensweise (Krafttraining, Fangnetz und Fallgrube inklusive) einen Fehlschlag nach dem nächsten und zeigt dabei beachtliches Durchhaltevermögen. Selbst der Rat seiner Elefanten-Tante, einfach höflich »Bitte« zu sagen, hilft nicht. Vollkommen erschöpft wird der Löwe zum Gespött der anderen Tiere und zieht sich wortlos zurück. Aber am Ende schafft er es doch noch, die zu siegessicher agierende Gazelle zu erwischen und in sein Versteck zu schleppen. Als der Löwe dann dort sein Maul aufreißt, nimmt die Geschichte zum Finale eine erfrischende Wendung … denn nun wird der Spieß umgedreht! Die klare und prägnante Bildsprache von Camilla Pintonato zeichnet sich durch dicke schwarze Konturen, glatte, wenig strukturierte Flächen und von der Savanne inspirierte Farben aus. In der Gestaltung spielt die italienische Künstlerin mit variierenden Schriftgrößen und -arten, zoomt immer wieder in Bildausschnitte, setzt Sprachblasen und Bewegungslinien ein. Diese Mischung bleibt harmonisch und bringt eine abwechslungsreiche Dynamik ins Spiel.
Mit Witz und einigen dramaturgischen Überraschungen erzählt Pintonato darüber, dass man ab und zu Niederlagen einstecken muss, um seine Ziele zu erreichen. Und dass es sich auszahlt, seine Strategien vielleicht auch mal zu überdenken. Und doch haben wir es hier mit keiner Parabel auf die moderne Leistungsgesellschaft zu tun (denn in diese Richtung könnte es auch gehen), sondern mit einem aufregenden und amüsanten Kinderspiel. Als Leser*in ist man hin- und hergerissen: fiebert man mit dem verzweifelten Löwenkind bei seinem teils schweißtreibenden Scheitern mit oder sorgt man sich um die schlussendlich geschnappte Gazelle. Am Ende löst sich ja zum Glück alles mit nur einem Satz in Leichtigkeit auf. In diesem Sinne: »Jetzt musst DU mich fangen!«
Verena Weigl

Camilla Pintonato: Jetzt fang ich dich
Frankfurt: Moritz 2025, 48 S., € 15,50, ab 4 Jahren
Dieser Buchtipp erschien zuerst in "1001 Buch"

