
i wie Information
Um dorthin zu kommen, wo der britische Grafiker und Illustrator Chris Haughton anfängt zu erzählen, muss man sich viel wegdenken: Internet, Mobiltelefon und Computer, Fernsehen und Radio, Fotos und Zeitungen, gedruckte Bücher und Handschriften, Papier und Pergament, Schriftsysteme und Zahlen, Zeichen und Zeichnungen. Wenn man sich all das und dazu noch Sprache wegdenkt, ist man – wenige Tausend Jahre zurück – in einer Zeit, als »wir Menschen in kleinen Grüppchen ein mühsames flüchtiges Dasein« fristeten und uns »in vielerlei Hinsicht kaum von anderen Tierarten auf der Erde« unterschieden. Stellt sich die Frage: Wie hat unsere Spezies es in so kurzer Zeit geschafft, die Erde zu dominieren und so umfassend zu verändern? Der britische Grafiker und Illustrator Chris Haughton – auf dem deutschsprachigen Buchmarkt mit einigen Bilderbüchern vertreten – zeigt in seinem aktuellen Buch, dass alles angefangen hat mit der Möglichkeit, »Wissen so zu übermitteln und zu speichern, dass mehr an die Folgegeneration weitergegeben wurde, als verloren ging.« Das exponentielle Wachstum vom Umfang des gespeicherten Wissens und der Geschwindigkeit der Weitergabe dieser Informationen ermöglichte es uns schließlich, »die komplexe, menschlich beeinflusste Welt zu schaffen, in der wir heute leben.«
In einer Tour de Force kann man in »I wie Information« diese rasante Entwicklung staunend nachvollziehen: Maximal verdichtet wird in den zehn Kapiteln »Sprache«, »Zeichnung«, »Schrift«, »Buchdruck«, »Wissenschaft«, »Presse«, »Netzwerke«, »Sendetechnik«, »Desinformation« und »Computer« in Doppelseitengliederung Information in dichten kurzen Textabschnitten, unzähligen Illustrationen und einer tollen Gestaltung akkumuliert. Das Ergebnis ist gut lesbar, nachvollziehbar und durchgehend spannend. Atemlos verfolgt man diese Geschichte, die nicht, wie man vermuten könnte, mit der Doppelseite über Künstliche Intelligenz endet, sondern mit jener über den menschlichen Verstand, der es erst möglich macht, Informationen zu sammeln und medial zu übermitteln. Die Erkenntnis, dass wir fast nichts über die Arbeitsweise des Gehirns wissen, führt Chris Haughton zum Schluss zurück zu einem Schöpfungsmythos: »… die australischen Kulturen glauben, dass die Welt erträumt wurde und wird. (…) Vielleicht steckt in diesem uralten Glauben eine sehr reale Wahrheit.«
Franz Lettner

Chris Haughton: i wie Information
50 000 Jahre Kommunikation – ein Storyboard
Dieser Buchtipp erschien zuerst in "1001 Buch"

