Großer Stunk

Etwas verloren sitzt ein Mann in einem sparsam möblierten, lichtdurchfluteten Zimmer und nimmt sich etwas vor: „Leander wollte Affen malen.“. Dass sich sein Vorhaben zu einem großen Streit unter Affen entwickelt und zu Erkenntnissen auch über seine eigene Identität und Herkunft führt, davon ahnt er zu diesem Zeitpunkt noch nichts. In ihrer jüngsten Zusammenarbeit entwickeln Julia Friese und Christian Duda eine Geschichte, deren Tiefe und Komplexität zu Beginn nicht zu erahnen ist. Seite um Seite scheint dann klarer zu werden, worauf die beiden hinaus wollen, meint man zumindest, und wird als Leser*in aufs Neue überrascht.

Der Protagonist im blauen Overall mit spärlicher Kopfbehaarung hat also einen Plan und lädt Affen zu sich ein. Die dann auch tatsächlich erscheinen, zahlreich und vielgestaltig – im Nachsatz sind alle Protagonist*innen noch einmal zart mit Bleistift skizziert und mit ihrem Gattungsnamen versehen. Die offensichtliche Vielfalt führt rasch zu Unmut unter den geladenen Gästen. Orang-Utan, Berberaffe, Nasenaffe, Pavian etc. können nämlich nicht glauben, dass die jeweils anderen auch Affen seien. Was braucht es nun, um einen Affen zu malen, was macht ein Lebewesen zum Affen? Hände, Füße, Nase und andere Körperteile werden aufgezählt und bildlich aufgelistet. Die Frage, ob es auch einen Schwanz braucht, bricht schließlich einen Streit vom Zaun. Der Lemur (der ja bekanntlich kein Affe, sich laut Anmerkung im Buch dessen aber nicht bewusst ist) springt aufbrausend durch den Raum, laut schreiend und mit geballten Fäusten. Nach einem Versuch Leanders die Wogen zu glätten, geht es erst richtig los. Und nun wird auch klar, in welche Richtung das ganze geht. Die Affen (und der Nicht-Affe) schmeißen sich wüste, auch xenophobe Beschimpfungen an den Kopf. „Zu klein, zu dumm, zu anders!“, meint der Gorilla über das Zwergseidenäffchen. Mandrill und Bonobo heißen den Tamarin eine Klobürste und beflegeln gleich auch noch den Spix. Und als der Gibbon den anderen ihr kackbraunes Fell vorwirft, richtet sich der Zorn aller gegen ihn. Abgeklärt versucht Leander neuerlich, den völlig aus dem Ruder gelaufenen Streit zu schlichten: Alle seien sie Affen, egal wie unterschiedlich sie aussähen, innen drin seien sie alle gleich!

An der von Julia Friese ausdrucksstark gemalten Mimik der Affen zeigt sich Unverständnis. In die damit verbundene Stille hinein, die Christian Duda atmosphärisch beschreibt, platzt ein weiterer Gast, sorgt für eine neuerliche überraschende Wendung, tiefe Erschütterung sowie ungläubige Lacher auf Seiten der Affen. Nun aber ist auch Leander tief bestürzt, verliert schlussendlich sogar die Fassung, was zu einem erneuten wilden Durcheinander führt, in dem nun auch die Malutensilien erstmals zum Einsatz kommen… Dass diese humorvolle, anregende Geschichte nicht mit einem lauten Paukenschlag sondern einer stillen, versöhnlichen wie tröstlichen Umarmung endet, ist aber kein Wunder: Am Ende sind wir doch alle nur Tiere!

Juliane Zach

Christian Duda & Julia Friese (Ill.): Großer Stunk

Christian Duda & Julia Friese (Ill.): Großer Stunk

Weinheim: Beltz & Gelberg 2025, 56 S., € 16,50, ab 5 Jahren

Dieser Buchtipp erschien zuerst in der österreichischen Wochenzeitung Die Furche