Ganz schön schleimig

Schleim steht vermutlich nur bei wenigen Menschen oben auf der Liste jener Dinge, mit denen sie sich intensiver auseinandersetzen möchten. Wie lange Melanie Laibl und Raffaela Schöbitz auf die Programmleitung von Tyrolia einwirken mussten, um sie von einem Sachbuch zu diesem Ekelthema zu überzeugen, ob sie es gar mit Einschleimen geschafft haben, man weiß es nicht. Es war jedenfalls eine gute Entscheidung, wie sich im Selbstversuch zeigt. Das Cover von Raffaela Schöbitz sorgt dafür, dass man auf den ersten Blick hängen bleibt: Ein Kind mit braunroten Haaren unter einer altrosafarbenen Mütze schaut interessiert durch eine Lupe auf ein kleines Ensemble an Pflanzen und Tieren. Von den warmen pastelligen Farben eingenommen, übersieht man fast den grünen Schnodder, der dem Kind aus der Nase hängt, und das schmierig tropfende „schleimig“ des Titels. Dann zeigt auch schon Melanie Laibl ihre besonderen Qualitäten, die erhebliche Lust an der Spracharbeit ist auch in ihren informationsvermittelnden Texten spürbar. Gleich zu Beginn präsentiert sie mit sprachlichen Formulierungen von viskoelastischer Beschaffenheit die vier Kapitel des Buchs: „aalglatt“ ist der „Schleim im Wasser“, „versumpfen“ wird man auf dem „Schnodder auf der Wiese“, der „Schlatz im Wald“ zieht „eine Schleimspur hinter sich her“ und der „Speichellecker“ gehört eindeutig zum „Sabber in der Welt des Menschen“.

Davor aber wird noch der Beschaffenheit des Schleims auf den Grund gegangen – irgendwas zwischen fest und flüssig –, und postuliert, dass „ohne Schleim kein Sein“ ist. Dann geht es in der mittlerweile im Sachbuch üblichen Doppelseitengliederung kapitelweise in allen nur erdenklichen Richtungen ins Detail. Da wird der Schleim aus dem Neusiedlersee gebaggert, auf Feuchtwiesen durchwandert, oder als wasserabweisende Schmiere in einer Drüse im Hinterteil des Wiedehopfs erzeugt. Man verfolgt das Interview mit Blob, einem Schleimpilz, der im Labor hergestellt wurde, oder dem modderigen Gemauschel zweier Zombies. Man liest über Schmierseifen und -öle, hundertjährige Eier oder die Haferschleimsuppe. Auf der Speisekarte in „Bobbys Schleimstüberl“ finden sich Eierschwammerl in Aspik, eine Seite später wird man mit all dem Schleim konfrontiert, der als Rotze und Kotze aus dem Menschen rauskommt. Die unzähligen erstaunlichen und komischen Fakten präsentiert Melanie Laibl in dichten, gut zu lesenden Textblöcken unterschiedlicher Länge.

Rafaela Schöbitz illustriert kleine Szenen, stellt Pflanzen oder Tiere in ihre natürliche Umwelt oder Gegenstände auf oder in Schränke und Regale. Mit Farbflächen, Strukturen oder Rahmen schafft sie darüberhinaus Ordnung auf den wimmeligen Doppelseiten, die dafür sorgt, dass Lesende in diesem Überfluss nicht ausrutschen. Und wenn, ist es auch egal, man landet hier oder da, jedenfalls immer weich und kann weiterlesen und -staunen. Auch darüber, dass Schleim wohl zu den interessantesten Dingen überhaupt gehört.

Franz Lettner

Melanie Laibl & Raffaela Schöbitz: Ganz schön schleimig

Melanie Laibl & Raffaela Schöbitz: Ganz schön schleimig

(Fast) alles über Schnodder, Schlatz und Sabber. Innsbruck-Wien: Tyrolia 2025, 48 S., € 24,00, ab 9 Jahren
Dieser Buchtipp erschien zuerst in "Die Furche"