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Jane Gardam
Weit weg von Verona


Aus dem Englischen
von Isabel Bogdan

München: Hanser Berlin 2018
240 S. | € 22,70

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Buch des Monats Oktober 2018

Sie ist zwölf und reflexartig in Opposition zu ihren Eltern, fühlt sich grundsätzlich unverstanden und ist altklug bis nervtötend. Ein durchschnittlicher Teenager, eine ganz normale Pubertät, könnte man meinen, die Jane Gardam in „Weit weg von Verona“ beschreibt.  Doch Jessicas Normalität ist eine ganz andere als die heutige – sie wächst mitten im Zweiten Weltkrieg auf. Die Gasmaske ist ihre ständige Begleiterin, Konsumartikel gibt es nur auf Bezugschein und die Strände an der Nordostküste Englands sind aus Angst vor der deutschen Invasion vermint. „Am Fuß der Klippen steckten eine Art große, schwarze Eisenschwerter im Sand. Excaliburs.“

Die epische Lesart einer rauhen Realität ist eine von Jessicas Strategien zur Wirklichkeitsbewältigung;  literarische Assoziationen und Querverweise gibt es en masse in diesem Roman, der laut Auskunft der Ich-Erzählerin von ihr selbst niedergeschrieben wurde. Einer Ich-Erzählerin, die viel bis manisch liest und Schriftstellerin werden will.  In guten Momenten ist sie davon überzeugt, dazu berufen zu sein, in anderen vom Gegenteil, so wie sie ständig zwischen Selbstzweifeln und  Selbstüberschätzung schwankt.  Die Überzeugung von ihrer eigenen Außergewöhnlichkeit ist jedenfalls unerschütterlich – so kämpft sie mit ihrer Abneigung gegen jegliche Form von Anpassung, was sie immer wieder in prekäre Situationen bringt. Ohne Rücksicht auf die Befindlichkeit anderer zu sagen, was sie denkt, lässt sie – das Kind „mit den wilden Augen“ - nicht gerade Beliebtheitswettbewerbe gewinnen.

So sehr Jessica in ihrem eigenen literarischen Umfeld aneckt, so sehr kommen wir Lesenden ihrer Figur nahe - eine außergewöhnliche Stimme an der Schwelle zwischen Kindheit und Jugend,  eloquent, klug, unkonventionell, schnörkellos. Wie sie erzählt, balanciert gekonnt zwischen einem stoischen Sarkasmus der Dialoge –  das Buch ist stellenweise ausgesprochen komisch - und einer atmosphärisch dichten Ausgestaltung der Schauplätze und Ereignisse. Historisches Setting und individuelles Erwachsenwerden greifen zahnradartig ineinander. Jessica überlegt erklärtermaßen genau, was sie erzählt. Bisweilen spricht sie den Lesenden auch direkt an, selbstverständlich per „Sie“ – ihre Leserinnen und Leser zu duzen, würde ihr nicht einfallen. Vertraulichkeiten und zu große Nähe sind ja ohnehin nicht so ihres.
Die erste Liebe hat sie noch nicht kennengelernt, und ihre erste Schwärmerei wird sie stark ernüchtert zurücklassen: Als Christian, Sohn aus wohlhabendem Hause, ihr als politische Bildungsmaßnahme die Armut in einem heruntergekommenen Slum zeigt, geraten sie in einen Bombenangriff. Der sich als Klassenkämpfer in kommunistischer Rebellionspose gerierende Junge lässt Jessica ohne Bedenken im Chaos zurück, um sich selbst nach Hause zu retten. Was das entschlossene Mädchen instinktiv und mit Glück genauso meistert wie alle anderen Herausforderungen – wobei sie lernen muss, sich für die Bewältigung von schlimmen Ereignissen  auch Zeit zu nehmen.
Der Roman bietet noch einige Schichten unter der Coming-of-Age Story: die kritisch - ironische Auseinandersetzung mit englischen Klassenunterschieden, die unaufgeregt eindringliche Schilderung einer Kindheit im Krieg, die Thematisierung der entscheidenden Rolle von verständnisvollen Pädagoginnen, und all das wird in Form gehalten von der ausgesprochenen oder mitgedachten Bedeutung des Geschichtenerzählens. Am Ende wird Jessica entgegen ihren eigenen Erwartungen einen Schreibwettbewerb gewinnen, ihr Gedicht wird in der Times abgedruckt sein, Verona  - Schauplatz von „Romeo und Julia“ und damit Inbegriff des Schreibens und Erzählens – nicht mehr ganz so weit weg sein wie am Anfang des Buches.

„A Long Way From Verona“  ist bemerkenswerterweise bereits 1971 im Original veröffentlicht worden – es ist der Debutroman der englischen Autorin. Dass er erst jetzt übersetzt wurde, liegt daran, dass Jane Gardam, Jahrgang 1928, erst nach dem internationalen Erfolg ihrer „Old-Filth“- Trilogie vor einigen Jahren auch mit ihren anderen Werken für den deutschen Verlag interessant wurde. Man merkt dem Roman sein Ersterscheinungsdatum nicht an. Er ist zeitlos, alterslos, auch für kein bestimmtes Zielgruppenalter geschrieben,  eine großartige Lektüre für Jugendliche wie für ein allgemeines Publikum.

„Ich weiß nicht, ob es Ihnen schon mal aufgefallen ist, aber wenn Sie ein englischer Klassiker werden möchten, empfiehlt es sich, im vorderen Teil des Alphabets zu stehen. Es gibt jede Menge A und B und D, das geht dann weiter bis ungefähr H. Dann kommt kaum noch was, bis man zu Leuten wie Richardson, Scott oder Thackeray kommt.“ befindet Jessica in der Bibliothek. Mit „G“ ist „Gardam“ davon ja gar nicht so weit weg….

Karin Haller

 
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