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Linde Hagerup
Ein Bruder zu viel

Mit Bildern von Felicitas Horstschäfer
Aus dem Norwegischen von
Gabriele Haefs

Hildesheim: Gerstenberg 2019
144 S. | € 15,40 | ab 9

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Buch des Monats Juni 2019


Liebe ist wie ein zweites Paar Beine

Die Liebe, sagt Saras Vater, sei wie ein zweites Paar Beine: Weit mehr als die sichtbaren Beine trage sie den Menschen durchs Leben. »Und hier sitze ich nun mit vier Beinen«, folgert die Neunjährige. »Zwei, die ich sehen kann, und zwei, die ich nicht sehe und die die Liebe sind.« Dass die Liebe aber nicht immer trägt, dass sie einem abhanden kommen, sich in Schmerz und Wut verwandeln kann, lernt Sara in Linde Hagerups berührendem Kinderroman in den langen Monaten vor Weihnachten. Weil die beste Freundin der Mutter an Herzversagen stirbt, nehmen Saras Eltern ihren fünfjährigen Sohn bei sich auf. Und den kann Sara überhaupt nicht ausstehen. Steinar ist zu nichts zu gebrauchen, und nimmt doch viel zu viel Platz ein in Saras Zimmer und in den Armen ihrer Eltern. Schlimmer noch: Steinar zwingt Sara, sich selbst zu verachten, weil sie sehr wohl weiß, dass sie Mitgefühl empfinden, dem Jungen eine liebevolle Schwester sein sollte, sich dazu aber schlicht nicht in der Lage sieht. Also erfindet sie Alfred, einen Bruder wie aus dem Bilderbuch, und lässt ihn an Saras Stelle treten: aufopfernd kümmert sich dieser Alfred um den Kleinen, stellt alle eigenen Bedürfnisse zurück. Bis Sara komplett hinter ihm verschwindet. Und ihre Eltern realisieren, dass sie der Tochter ihren Raum zurückgeben müssen, damit die wieder auf eigenen Beinen stehen kann.

Es ist, neben der großen Erzählkunst, mit der Linde Hagerup existenzielle Fragen und komplexe emotionale Aggregatszustände ohne Pathos zu einer vielschichtigen Erzählung verwebt, ganz unverkennbar die Liebe, die als zweites Paar Beine die Geschichte trägt: Liebe zu allen Figuren, denen der Text viel Raum zugesteht, um zu hadern und zu irren, auseinanderzudriften und wieder zusammenzufinden; Liebe zum Kind, das an sich selbst und an den Eltern zweifelt; Liebe auch zu den Eltern, die sich bemühen, das Richtige zu tun, in der Erschöpfung aber schon mal über das Ziel herausschießen. Dass auch die liebevollste Familie keine Demokratie ist, dass Kinder vor vollendete Tatsachen gestellt werden und irgendwann lernen, dass die besten Eltern den eigenen Grundsätzen nicht immer treu bleiben können, davon erzählt »Ein Bruder zu viel« mit großer Ehrlichkeit – aber auch mit viel Vertrauen in die Tragfähigkeit der Liebe.

Manuela Kalbermatten für >>> "1001 Buch"

                                   
 
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