Jugendbuchtipp September 2016

„Minigolf Paradiso“:  Der Titel von Alexandra Tobors neuem Roman klingt heftig nach Nostalgie, nach Musik von Rex Gildo oder Conny Francis, nach Plastikflamingos und künstlichen Palmen. Und die gibt es tatsächlich, in diesem Sommer 1997: vor allem auf dem zur Ruine verkommenen Minigolf Platz in Castrop-Rauxel, auf dem Malinas Großvater Alois in einem Wohnwagen haust.

Dort muss sie ihn aber erst finden, hat er doch vor zwanzig Jahren, noch vor ihrer Geburt,  seinen eigenen Tod fingiert, damals, als sie alle noch in Polen lebten. Von einem Tag auf den anderen ist er nach Deutschland verschwunden, um dort reich zu werden und die Familie nachzuholen – ein Vorhaben, das gründlich gescheitert ist. Denn der Totgeglaubte, der sich jetzt Aldi nennt,  ist zwar quicklebendig, aber alles andere als erfolgreich. Schlägt sich als Losverkäufer auf der Kirmes und mit kleinen Gaunereien durchs Leben – gefälschte Howard Carpendale Autogramme für Senioren, Traubenzucker statt Extasy für ahnungslose Jugendliche. Aldi ist schräg, übermütig, spontan, voller Phantasie und Einfallsreichtum, sprudelt über vor Leben. Das genaue Gegenteil zu seiner schweigsamen Enkelin, die bei manchen Menschen Assoziationen zur Addams Family wachruft und davon überzeugt ist, an chronischer Unsichtbarkeit zu leiden. Unsichtbarkeit ist das letzte, woran Aldi leidet.

Verschieden sind sie, aber verwandt. Und weil die Ich-Erzählerin ihren Großvater wieder mit seiner Frau, ihrer Großmutter Rosa, zusammen bringen will und er bei den falschen Leuten Schulden gemacht hat und abtauchen muss, fahren sie gemeinsam nach Polen. Mit drei vorschriftsmäßig angeschnallten XXL-Stoffbären auf dem Rücksitz des alten Mercedes. Im Verlauf der Reise entpuppt sich Aldi als begnadeter Fabulierer, der es schafft, sein denkbar unglamouröses Leben ins Phantastische, ja Magische zu überhöhen, der aus dem Stoff seiner tragischen Kindheit einen Erzählteppich aus Abenteuern und Wundern knüpft. Und Malina kann er viel erzählen, weiß sie doch praktisch nichts über die Geschichte ihrer Familie. Wurde darauf gedrillt, ihre Herkunft geheim zu halten. Niemand soll wissen, dass sie aus Polen stammt – die Eltern fürchten Ausgrenzung und Repressalien. Nun spricht Malina zwar akzentfrei Deutsch, Beliebtheitswettbewerbe gewinnt sie trotzdem nicht. Oder wie es ihre Mutter ausdrückt: „Du hast sechzehn Jahre, und einziger Freund ist toter Punker. Was soll ich sagen?“

Mit staubtrockenem Humor werden die Dinge in aller Kürze auf den Punkt gebracht. Wenn Aldi, wieder zurück in Polen, feststellt: „Da wanderst du extra aus, um Schwartau-Marmelade zu löffeln, und dann haben die hier zwanzig Jahre später alles genau so wie im Westen. Verrückt!“, dann ist dem nichts hinzuzufügen. Humor verbindet sich mit Ernst. Für die Autorin ist, wie sie selbst sagt, Unterhaltung eine Art trojanisches Pferd, in dem sie gesellschaftlich relevante Themen transportiert.

Und so ist „Minigolf Paradiso“ in seiner Vielschichtigkeit wie eine dieser russischen Matroschka-Puppen. Zunächst mal pointierter, ausgesprochen lustiger Schelmenroman. Alexandra Tobor, die als Achtjährige nach Deutschland kam, reiht sich nahtlos ein in die Riege der großartigen Autorinnen und Autoren aus den ehemaligen Ostblock-Ländern, die mit feingeschliffener Selbstironie ihr Herkunftsland genauso auf die Schaufel nehmen wie ihre neue Heimat: Radek Knapp aus Polen, Marina Lewycka aus der Ukraine, die viel zu früh verstorbene Sheila Och aus Tschechien.

Dann ist das Buch natürlich jugendliterarische Roadnovel mit der dafür vorgesehenen Persönlichkeitsentwicklung. Für Malina bewirkte die Verleugnung der Vergangenheit eine Bruchstelle in ihrer Identität, die sich zunehmend schließt, je mehr sie von ihrer Familiengeschichte erfährt. Die Suche nach dem „woher“ führt zu einer Vorstellung vom „wohin“. Am Ende der Fahrt stehen ein neues Selbstbewusstsein und die Erkenntnis, dass das phantasievolle, mutige Blut ihrer Großeltern auch in ihr fließt.

Schließlich ist „Minigolf Paradiso“ auch ein modernes Märchen, nicht umsonst kommt Aldi wie eine männliche Scheherezade aus Polen daher. Da dürfen die Figuren so zufällig aufeinandertreffen und zueinander finden, wie es zwar jeder statistischen Wahrscheinlichkeit widerspricht, in Tobors erzählerischem Kosmos aber nicht hinterfragt zu werden braucht. Wenn Malinas flüchtige Bekannte am Kirmes vor einen Wohnwagen pinkelt, dann ist das natürlich der ihres Großvaters. Und wenn die Familienzusammenführung zwar beileibe nicht auf Anhieb klappt, aber am Ende alles richtig gut ausgeht, dann weil das einfach so sein muss.

Und nicht zuletzt ist das Buch eine ironisch-leichtfüßige Erinnerung an die 90er, laut Alexandra Tobor, Zitat aus einem Interview, „eine von holländischen Showmastern bevölkerte Eurotrash-Hölle, die man nur mit einer großen Portion Humor erträgt“. Höchst erfreulich, dass sie sich zum Schreiben als Bewältigungsstrategie entschlossen hat.

Karin Haller

 
    "Ex libris" – Jugendbuchtipp