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Nina LaCour
Alles okay

Aus dem Englischen
von Sophie Zeitz

München: Hanser 2019

206 S. | € 16,00

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Jugendbuchtipp Dezember 2019

Einsam ist es in dem Collegewohnheim im Norden von New York, in dem Marin in den Weihnachtsferien allein zurück bleibt und dem Winter Neuenglands trotzt. Draußen ist es so kalt, dass sie ihr Gesicht nicht mehr spürt und das Atmen schwer fällt. Auch der Himmel ist anders als der in ihrer Heimat, gestochen scharf und klirrend blau – doch San Francisco ist weit weg.
Marin will sich nicht daran erinnern. Hat alle Brücken abgebrochen, seit sie Kalifornien vor vier Monaten verlassen hat, mit nicht mehr als Handy, Geldbörse und einem Foto ihrer Mutter in der Tasche. An dem Tag, an dem ihr Großvater Gramps starb und ihr sein Geheimnis hinterließ, das alles, was sicher schien, erschüttert hat. Dabei meinte Marin, Gramps in- und auswendig zu kennen, hat sie doch ihr ganzes Leben mit ihm in dem alten rosa Haus verbracht, nachdem ihre Mutter bei einem Surf-Unfall verunglückt ist, da war Marin gerade mal drei Jahre alt.

Seit der Flucht aus San Francisco hat sie jeden Kontakt zu ihrem vergangenen Leben verweigert, sogar zu Mabel, ihrer damaligen Freundin und Geliebten, dem Menschen, der sie besser kennt als jeder andere auf der Welt. Doch nun steht Mabel vor dem Wohnheim im Schnee, will Marin überreden, über Weihnachten nach Hause zu kommen. Anfangs ist die Distanz zwischen den beiden Mädchen groß, doch irgendwann während des folgenden Wintersturms, als die Welt einzufrieren scheint, bricht Marins Panzer auf …

In ihrem neuen Jugendroman „Alles okay“ erzählt die kalifornische Autorin Nina LaCour von Liebe und Einsamkeit, Glück und Trauer, dem Ertragen von Ungewissheit und Ratlosigkeit und vor allem von Erinnern und Verdrängen.
Marin hat nur vage Erinnerungen an ihre Mutter. „Ich hatte die Traurigkeit verdrängt. Fand sie in Büchern. Weinte über Romane statt über die Wirklichkeit. Die Wirklichkeit war schnörkellos, bodenlos.“ Gramps hat ihr beigebracht, nicht nachzudenken und nachzufragen: „Wir waren Meister der Verdunkelung, mein Großvater und ich. Wenigstens darin waren wir Komplizen.“

Die Geschichte berührt durch in ihre wunderschöne poetische Sprache, das langsame Erzählen, den sorgsamen Blick für Details.
Da wird auch kleinen und vordergründig banalen Handlungen Raum gegeben, um dichte Atmosphäre zu erzeugen, um die leeren Räume des verlassenen Wohnheims spürbar zu machen, in denen Marin ihren Großvater singen hört, wenn alles still ist.
Dabei wirkt die erzählerische Intensität beeindruckend unangestrengt, auch die Liebe zwischen den beiden Mädchen bleibt in ihrer Darstellung unaufgeregt und selbstverständlich.
Geschickt versteht es die Autorin, den Spannungsbogen durch Rückblenden und die Verschränkung der erzählten Zeit aufrechtzuerhalten, die Kälte der winterlichen Gegenwart mit der Hitze des vergangenen Sommers zu kontrastieren. Scherenschnittartig steht Kalifornien mit seiner Sonne und dem Sand, den Möwen und den riesigen Redwood Bäumen dem Schnee und dem eisigen Wind im Norden von New York gegenüber.

Auch wenn es keinen Weg zurück gibt zu der Zeit, in der Marin und Mabel einander liebten, es kann einen Weg zurück geben zu der Zeit, in der sie einfach beste Freundinnen waren. Zu der Zeit, als Marin noch Vertrauen in andere Menschen hatte, daran glauben konnte, dass es so etwas wie Wahrheit gibt, und nicht nur Täuschung. Und am Ende wird sie sich an ihre Mutter erinnern, und sie wird wieder Nähe zulassen können: „Ich spüre die Wärme, die Wärme des Zimmers und ihre Wärme, und es ist okay. Alles ist okay.“



Karin Haller
 
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