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Krystal Sutherland
Es muss ja nicht perfekt sein


Aus dem Amerikanischen von Henriette Zeltner

München: cbj 2019

400 S. | € 15,50

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Jugendbuchtipp Mai 2019

„Es muss ja nicht perfekt sein“: So heißt der neue Jugendroman der australischen Autorin Krystal Sutherland – wobei Esther Solars Familie von Perfektion denkbar weit entfernt ist. Ihr Vater, einst erfolgreicher Tierarzt, hat sich vor sechs Jahren mit Agoraphobie in den Keller zurückgezogen, den er seither nicht mehr verlassen konnte, die absurd abergläubische Mutter ist von der Furcht vor drohendem Unheil verfolgt, Esthers Zwillingsbruder Eugene hat panische Angst vor der Dunkelheit. Wenig verwunderlich, dass Esther der Geschichte des Großvaters, die Familie sei verflucht, Glauben schenkt: Ohne Vorwarnung könne bei jeder und jedem Solar die eine, die richtig große Angst ausbrechen und das Leben beherrschen, ja sogar beenden.
Esthers Strategie dagegen: Sie meidet alles, was in ihr auch nur den Anflug von Furcht auslöst und erstellt ihre ganz persönliche „semi-definitive Liste der schlimmsten Albträume“. Als sie ihrer Grundschulliebe Jonah wieder begegnet, stehen auf dieser Liste bereits 50 recht unterschiedliche Ängste: die vor Höhlen oder Friedhöfen ebenso wie die vor Motten oder Hummern. Jonah zwingt Esther dazu, ihre Ängste der Reihe nach abzuarbeiten. An jedem Wochenende muss sie sich einer stellen, zunächst nur in seiner Begleitung, bald auch zusammen mit ihrem Bruder Eugene und ihrer Freundin Heph. 50 Ängste, 50 Wochen, 50 Chancen, den Fluch zu besiegen.
Es wird ihr gelingen, soviel sei verraten, doch anders, als gedacht. Bis es soweit ist, passiert viel. Schönes wie die immer stärker werdende Liebe zu Jonah, die Esther erst spät zulassen kann, und noch mehr Schlimmes wie der Selbstmordversuch ihres Bruders.

Das Buch fängt klassisch an: Ein junges Mädchen trifft an einer Bushaltestelle den Jungen wieder, der ihr vor Jahren das Herz gebrochen hat, indem er plötzlich verschwunden ist. Schon die Anfangsszene zieht soghaft in die Lektüre hinein, weil alles ein wenig anders und ungewöhnlich daher kommt, nicht zuletzt die Protagonisten:  Esther, die nie ohne Verkleidung das Haus verlässt, trägt an diesem Tag ein Rotkäppchen-Kostüm - wir werden ihr noch als Walküre oder Eleanor Roosevelt begegnen – und Jonah erneuert ihre Bekanntschaft, indem er Esther alles klaut, was sie bei sich hat.

Bald wird klar, dass es mehr dahinter steckt als nur eine Beziehungsgeschichte: Es geht um das Erleben von bedingungsloser Liebe und ebenso grenzenloser Furcht, und dabei vor allem um irrationale Ängste, Gefühle und Gedanken, denen mit Rationalität eben nicht beizukommen ist.

Krystal Sutherland setzt sich mit der hochkomplexen Thematik auseinander, indem sie einen homogenen Erzählkosmos schafft: Wird  Esthers Haus, das ein wenig an die Villa der Addams Family erinnert, in all seiner Skurrilität geschildert, findet sich keine Schauplatzbeschreibung gewöhnlicherer Lebensumstände als Kontrapunkt. Ähnlich konsequent ist die Figurenzeichnung: Charaktere, denen man das Attribut „normal“ in welcher Definition auch immer zusprechen würde, kommen nicht vor, zumindest nicht in einer Sprechrolle. Dabei bemüht sich die Autorin um Klarstellung, wie es zu den Phobien und Macken ihrer Figuren gekommen ist – ohne Schuldzuweisungen.

Dass die Geschichte funktioniert, liegt nicht nur an der Bruchlosigkeit der Fiktion und der Detailreichtum, mit dem sie ausgestattet wird. Sutherland schildert all ihre aus der Reihe denkenden und fühlenden Menschen mit hoher Empathie, und vor allem mit viel schwarzen Humor, der aber nichts und niemanden der Lächerlichkeit preisgibt. Ganz im Gegenteil. 

Geht es der Autorin doch, was in den Schlusssequenzen sehr deutlich wird, um das Thema der mentalen Gesundheit. Ängste sind kein Fluch, sondern – mit professioneller Hilfe –
überwindbar. Das ist die eine zentrale Botschaft. Die andere: Menschen, die uns lieben, so erzählt uns Krystal Sutherland , verdienen es, mit all ihren Schwächen wieder geliebt zu werden: „Nur weil sie nicht perfekt sind, heißt das noch lange nicht, dass sie nicht gut genug sind.“

Karin Haller


 
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