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Nataly Elisabeth Savina
Meine beste Bitch

Hrsg. von Tilman Spreckelsen

Frankfurt/M.: Fischer 2018

288 S. | € 16,50

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Jugendbuchtipp Jänner 2019

Wie finde ich meine Richtung im Leben? Wie nahe lasse ich die Welt an mich heran? Nach individuellen Antworten auf Fragen wie diese zu suchen, gehört zum Erwachsenwerden und gestaltet sich mitunter als ausgesprochen schmerzhafter Prozess. So wie bei Faina, der jugendlichen Protagonistin in Nataly Elisabeth Savinas neuem Jugendroman „Meine beste Bitch.“ 

Siebzehn ist sie, als die Handlung einsetzt, von diffusen Ängsten getrieben, deren Ursachen nicht auszumachen sind und die sich bis zu quälendem Hautjucken steigern können. Welche Ziele sie verfolgen sollte, welchen Sinn sie ihrem Leben geben könnte, das bleiben ungelöste, bedrückende Fragen. Der liebevolle Pragmatismus der Mutter, die als Ärztin in der klinischen Akutpsychiatrie arbeitet, kann ihr ebenso wenig aus der angstbesetzten Orientierungslosigkeit helfen wie literweise Passionsblumentee.
Umso bedingungsloser stürzt sich die Ich-Erzählerin in die Freundschaft zu der etwas älteren Nike, die in Fainas Augen alles verkörpert, was sie selbst nicht ist: Selbstsicherheit, Fröhlichkeit, Intelligenz, Lebendigkeit. Faina dagegen ist ständig müde und davon überzeugt, fern jeder Begabungen auf die Welt gekommen zu sein. Ein „Zottelgerippe mit rotgefleckter Haut.“ Im Tierreich, so meint sie, wäre Nike eine der klugen, selbstbestimmten Katzen und sie selbst ein altes, energieloses Eichhörnchen, das sich ganzjährig auf den Winter des Lebens vorbereitet.

Fainas Welt kreist um die Freundin, bis diese zum Studium nach Schweden geht und sich ein junger Mann in dem emotionalen Vakuum breit macht: Julian. Blass, schulterlange schwarze Haare, Hornbrille, Samtjackett, Zeichenblock unter dem Arm. Faina verliebt sich aus dem Stand in ihn und idealisiert ihn genauso blindwütig wie Nike. Zieht nach dem Abitur zu ihm nach Berlin in ein zusehends exzessiver werdendes Leben in der Performance-Kunstszene, gibt sich neben ihm immer mehr auf. So wie zuvor von der Freundin wird sie nun von einem  Mann dominiert, der nichts und niemanden neben sich duldet, ohne ihr dabei einen anderen Stellenwert als den der sexuell attraktiven Muse zuzugestehen. Was die junge Frau, die um seine Liebe bettelt, natürlich nicht so sieht. Als jedoch Nike für einige Zeit zu Besuch kommt, eskaliert die Schieflage der Beziehungen und Fainas lange aufrecht erhaltene Selbsttäuschungen detonieren in einer einzigen Nacht…
Der dritte Roman der lettisch-deutschen Autorin, die schon 2015 mit „Love Alice“ überzeugen konnte, zeichnet einen über mehrere Jahre andauernden weiblichen Entwicklungsprozess nach. In bildhafter, ausdrucksstarker Sprache vermittelt die radikal subjektive Erzählerinnen-Stimme ihre Sicht auf die Welt, sich selbst und andere, wodurch ihr zunächst verzerrtes, destruktives Selbstbild ebenso nachvollziehbar wird wie die daraus resultierende emotionale Abhängigkeit von charismatischen Egomanen, wie ihre inneren Widersprüchlichkeiten, Leidenschaften und Irrationalitäten. Das Ende gestaltet Savina nahezu idealtypisch versöhnlich. Faina findet ihre Eigenständigkeit, ohne sich in verhärtetem Egoismus zu verschanzen, und die Rollenverteilungen haben sich im Zuge der dramatischen Ereignisse komplett gedreht.

Doch nicht nur die Innenschau der faszinierenden Hauptfigur bietet Spannung. Zusätzliche Aufmerksamkeit generiert das Buch durch die Integration von kurzen wissenschaftlichen Side-Steps in die Biologie oder die ausführliche Darstellung von Kunst-Performances, vor allem aber auch durch die laufend zur Diskussion gestellte Frage, was Normalität ist oder sein könnte. Julian, getrieben von der Angst vor dem eigenen Mittelmaß, will in einer affektiert-aufgesetzten Kunstszene Erfolge feiern, in der „normal“ ein Schimpfwort darstellt. Wann aber beginnt die Abweichung von der Norm?

„Da draußen leben unzählige Menschen ganz wunderbar mit ihren Abweichungen, ohne dass man viel davon mitbekommt. Sie haben noch keinen angesteckt. Und oft genug ist das ziemlich schade.“ meint Fainas Mutter.  „Die Normalität ist kein Zustand, sie ist nur eine Behauptung.“  Eine kluge Frau, ein kluges Buch.

Karin Haller
 
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