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Andreas Thamm
Heldenhaft


Bamberg: Magellan Verlag 2019

256 S. | € 17,50

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Jugendbuchtipp März 2019

„Sei selbstbewusst“, sagte er, „ein selbstbewusster Buckliger ist in den Augen der Frauen mehr als ein schüchterner Bodybuilder.“ „Weiß ich, sagt jeder. Aber was ist, wenn man halt weder selbstbewusst noch Bodybuilder ist?“

So bringt der 17-jährige Ich-Erzähler Andi in Andreas Thamms Debütroman „Heldenhaft“ sein Dilemma auf den Punkt. Dabei würde er sich so wünschen, eben genau das zu sein: Mutiger, geistreicher, heldenhafter. Ein bisschen mehr Odysseus und weniger Sisyphos. Doch wenn er dann vor Lea, dem Mädchen seiner Träume steht, erwidert er ihren Gruß erst recht wieder mit „Äh, ja, äh, hi.“  
Wenn schon Andi kein Held in der Tradition antiker Heroen ist – sein bester Freund Ferdi, kurzbehost und weißbeinig, ist es noch weniger. Und dazu auch nicht gerade von Fortuna gesegnet, weder in der Liebe noch sonst wo, und es ist ein Wunder, wie tapfer er alles erträgt, was ihm vom Autor zugemutet wird. Denn in diesem Sommer, von dem die Geschichte erzählt, passiert so einiges. Die Jungs erleben Liebeskummer und ersten Sex und besoffene Partys mit anschließendem Kater, sie schießen auf Fische oder versuchen es zumindest und sie brechen in einen Antiquitätenladen ein. Letzteres, weil Mitch wieder da ist. Jener Freund, der ein Jahr wegen Brandstiftung im Knast war, wo er endgültig zum Kleinkriminellen geworden ist – und jetzt zieht er Andi und Ferdi in seine idiotischen Unternehmungen mit hinein.

Das klingt ernster, als es erzählt wird – in diesem Buch dominieren Witz und Situationskomik. Wenn sich Andreas Thamm mit Themen wie langjähriger Freundschaft und frischer Liebe und vor allem mit der Frage nach der Verantwortung für das eigene Leben beschäftigt, bleibt er seinem lockeren Tonfall treu. Vor allem bemüht er sich konsequent um die Vermeidung von Schwarz-Weiß-Zeichnungen,  darum, nichts zu werten oder als moralisch verwerflich zu brandmarken. Selbst Mitch tritt nicht als der „böse Verführer“ schlechthin auf,  wobei der Humor auch ein Schlüsselelement der Figurendifferenzierung darstellt.  „Mitch war ein Proll, aber eben auch ein schlauer Proll. (…) Die Art von Typ, der meiner Mutter zwar ins Blumenbeet pisst, sie dann aber „gnädige Frau“ nennt, wenn er im Anschluss um Verzeihung bittet.“
Am Ende steht Andis Erkenntnis, dass er die Verantwortung für seine Taten auf niemanden abwälzen kann, dass Handlungsfreiheit auch bedeutet:  Jede Handlung hat Konsequenzen, „man kann sich eigentlich nicht raushalten.“  Diesen moralischen Kompass stellt der Autor dann doch in den Text: „Ich weiß, dass es meistens nicht stimmt, wenn Leute sagen, das ist mir so passiert. Sachen passieren, weil Menschen vorher Entscheidungen treffen. Manche Entscheidungen sind schlau und andere dumm. So einfach ist das und deswegen ist alles so schwer.“

Das Wiedersehen mit Mitch fungiert als der eine Handlungsmotor, Andis Liebe zu seiner Nachbarin Lea als der andere. Zwar wird seine Zuneigung zu seiner eigenen Verblüffung erwidert, doch einfach gestaltet sich auch diese Beziehung nicht gerade: Leas Eltern sind fanatisch religiös und die beiden jungen Liebenden müssen buchstäblich fliehen, um zusammen zu sein: „Heldenhaft“ ist ein klassischer Jugendroman und Jungenroman, bedingungslos aus der Sicht des männlichen Protagonisten erzählt.  

Am Ende ist Andi zwar logischerweise kein Bodybuilder und auch nicht strahlend selbstbewusst, aber eines hat er gelernt: innere und äußere Widerstände zu überwinden und Taten zu setzen. Jetzt wäre es für einen Odysseus ja nicht so das große Ding gewesen, sich außerhalb der Besuchszeiten im Pflegerkittel zu seiner Angebeteten ins Krankenhaus zu schleichen.  Dem Ich-Erzähler jedoch nimmt man es, ohne ihn zu belächeln ab, wenn er sich dabei ein wenig heldenhaft fühlt. Was eine heroische Tat ist, hat eben auch damit zu tun, wie groß die Herausforderung für den Handelnden ist. Was sich für den einen wie eine Gipfelbesteigung anfühlt, ist für den anderen ein lockerer Spaziergang.  Aber wenn man Thamm glaubt, kommt es eigentlich nur darauf an, loszugehen.

Karin Haller
 
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