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David Arnold
Ganz schön kaputte Tage und wie Noah Oakman sie sieht


Aus dem Amerikanischen von Ulrich Thiele

Würzburg: Arena 2019

440 S. | € 14,99 | ab 12

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Jugendbuchtipp Juni 2019

„Ich fühle zu viel und esse zu wenig.“ konstatiert der 16jährige Ich-Erzähler in David Arnolds Roman „Ganz schön kaputte Tage und wie Noah Oakman sie sieht“. Er denkt exzessiv nach, vor allem über sich selbst oder über Dinge wie die Existenz unsichtbarer Bindeglieder des Universums, die sich durch Raum und Zeit erstrecken.
Nur: Das Grübeln über den Zeitplan der Welt und seinen eigenen Platz darin hilft Noah nicht bei der Lösung seines Problems – der Frage, was er mit seinem Leben anfangen will. Soll er, wie seine Eltern es sich wünschen, aufs College gehen und eine Karriere als Schwimmer anstreben? „Hunderte Wege, die man beschreiten könnte – und was, wenn ich mich für den falschen entscheide? Oder noch schlimmer? Was, wenn ich andere für mich entscheiden lasse?“

In seiner Angst und Verwirrung spielt Noah auf Zeit, täuscht eine Rückenverletzung vor, um sich vor einer Entscheidung zu drücken. Sogar vor Alan und Val, den Zwillingen, mit denen er schon so lange befreundet ist, dass er „sein Spiegelbild anlügen könnte in der Hoffnung, darauf reinzufallen.“
Und dann führt ihn seine Orientierungslosigkeit in ein Hypnoseexperiment, das völlig aus dem Ruder läuft. Plötzlich scheint seine Welt anders zu sein, seine Erinnerung, seine Wahrnehmung haben sich verändert – als würde ein Riss durch seinen Verstand gehen. Seine Mutter hat eine Narbe, wo nie eine war, Alan liebt Comics, die er immer verabscheute, der altersschwache Hund benimmt sich wie ein Welpe. Noahs Welt zerfällt in Variablen und Konstanten – denn es gibt auch Dinge oder Menschen, die gleich geblieben sind. Seine kleine Schwester Penny zum Beispiel, die sich merklich von anderen Kindern unterscheidet. Es gibt wohl nicht viele Zwölfjährige mit einer ausgeprägten Begeisterung für „Frühstück bei Tiffany“. Aber es gibt wahrscheinlich auch nicht viele 16-jährige Jungs, die sich die „Gilmore Girls“ anschauen oder mit einem Reinlichkeits- und Ordnungszwang leben. Noahs Zimmerinventar ist rechtwinklig ausgerichtet.
Es sind diese schrägen, unangepassten, liebenswerten Figuren, die „Ganz schön kaputte Tage“  so lesenswert machen. Noah, Penny, der schwule beste Freund Alan, der mit viel Selbstironie ohne Angst vor Peinlichkeiten auch für den ausgeprägten Humor in diesem Buch zuständig ist.

Für Spannung sorgt das Rätselraten um die plötzliche Realitätsverrückung, die unerwartet und in einem bemerkenswerten Twist aufgelöst wird – bei diesem Handlungsaufbau wurde nichts dem Zufall überlassen.
David Arnold hat die Geschichte wie eine Collage zusammengestellt, indem er unterschiedliche Textbausteine verbindet: Noahs Erzählung über die Ereignisse, dazu vierzig Teile mit allen möglichen Fakten und Überlegungen, in denen Noah einen „kurzen Abriss meiner selbst“ versucht. Dazu SMS-chats, Zeichnungen und ausführliche Zitate aus Interviews und Büchern der fiktiven Autorin Mila Henry. Dazwischen ein Haufen von Bonmots und Gedankensplittern im Stil von: „Ich habe immer Lust, neue Leute kennenzulernen. Bis ich sie dann kennengelernt habe.“

Ein buntes Potpourri, das erstaunlich homogen wirkt. Und ziemlich retro. Der Roman ist nicht nur eine einzige Liebeserklärung an das Lesen, in der es von literarischen Querverweisen wimmelt, es ist auch eine tiefe Verneigung vor den 80er Jahren, ihrer Musik und ihren Filmen. Noah ist ausgewiesener Bowie-Jünger, dessen song „changes“ das Buch leitmotivisch begleitet. Das Sprachbild der „strange fascinations“ aus dessen lyrics ist zentral in den Text verwoben und im englischen Original sogar titelgebend: „The Strange Fascinations of Noah Hypnotic.“
Dementsprechend ist das Buch auch eine Hommage an die Vor-Internet Zeit, „als noch nicht jeder jedes Detail über jeden anderen Bewohner des bekannten Universums wusste.“ Noah scheint nicht in die Gegenwart zu passen, wenn er sich dem Kommunikationsdiktat der neuen Medien entzieht: „Ich habe dazu keine richtige Meinung, weder so noch so, was übrigens vollkommen aus der Mode geraten ist. Irgendwie muss man heute alles lieben oder hassen und wenn nicht, zählt diese Sichtweise nicht.“

Am Ende findet Noah heraus, welche Konstanten sein Leben zusammenhalten – was wichtig ist. Freundschaft – „richtige Freunde retten dir das Leben. Mit den falschen säufst du ab“. Mitgefühl. Ehrliche Anteilnahme am Schicksal anderer, nicht immer nur um sich selbst kreisen. Verständnis, Verzeihen. Und, soviel sei verraten, er wird nicht in einem Leben bleiben, das sich andere für ihn ausgedacht haben.  Er wird, in den Worten Mila Henrys „den Roboter verlassen“. Oder wie Noah sagt: „Pathologische Authentizität. Das muss das Ziel sein.“

Karin Haller


 
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