Logo
  ...weil uns wichtig ist, was Kinder lesen
   
   
     
   

Käthe Recheis
Wolfsaga

Roman

Illustriert von Karen Holländer

erstmals erschienen:
Wien: Herder 1994

derzeit lieferbar:
München: dtv junior | 512 S.
ISBN 978-3-4237-1695-6

_________________________
>>> zurück zur Übersicht



 

65 Jahre Kinder- und Jugendbuchpreis der Stadt Wien

Preisgekrönt 1994: Wolfsaga

Phantastisch-mythische Geschichte, in dem sich ein Wolf Wakas altem Gesetz, nach dem alle Geschöpfe zusammenleben, widersetzt und sein Rudel über alle anderen stellt. Nur ein einziges Rudel, dessen Stärke in seiner Sanftmut liegt, stellt sich ihm entgegen. Die Autorin erzählt spannend über das Rudelverhalten der Wölfe, eingebettet in die archaische Auseinandersetzung von Gut und Böse.

Rezension aus dem Jahr 1995
In einem Nordland voller Wälder und Flüsse lebt ein Wolfsrudel im Tal der flüsternden Winde. Die Leitwölfe Palo Kan und Ahkuna sorgen gut für ihre Nachkommen: die Geschwister Imiak, Sternschwester und den schwächlichen Schiriki, die beiden Welpen Itsi und To. Bei ihnen leben auch noch Wok und Wuk, die den Wolfseltern manche ihrer Pflichten abnehmen und die Lehrmeister der jungen Wölfe sind. Das Leben des Rudels folgt dem Gesetz – Waka –, das von Anbeginn an das Zusammenleben aller Geschöpfe ordnete. Danach darf nur gejagt werden, bis der Hunger gestillt ist und nie aus Lust am Töten. Der Ablauf der Jahreszeiten wird davon bestimmt, genau wie das große Taglicht und das Nachtlicht ihrem vorgegebenen Lauf folgen. Beutetiere werden gehetzt und gerissen, aber Leben und Sterben befinden sich in einer Form von Harmonie, die allen einen Platz beläßt.
Dieses Leben wird plötzlich durch die Ankunft eines mächtigen Leitwolfs aus dem hohen Norden gestört. Schogar Kan schwor sich als junger Wolf, daß es seinem Volk der Schnellen Läufer einmal besser gehen sollte als allen anderen Tieren und daß nie wieder ein Welpe seines Volkes dem Hungertod ausgesetzt werde. Auf dem Zug nach Süden begeistert er immer mehr Rudel von seiner Vision. Sie schließen sich ihm an und weisen das alte Gesetz zurück: diejenigen, die sich weigern, werden mit Gewalt unter die Herrschaft Schogar Kans gezwungen. Als Palo Kan und Ahkuna ihm ebenfalls die Gefolgschaft verweigern, werden sie von dem mächtigen Leitwolf besiegt.
Zunächst scheint es so, als würde der Anführer sein Versprechen wahrmachen. Nie ist es dem Volk der Schnellen Läufer so gut gegangen, auch wenn ihr Zusammenleben jetzt von neuen Regeln bestimmt wird, und alle dem alten Gesetz abschwören mußten. Nur der schwache Schiriki, der schon von früher Jugend an Visionen hatte, wagt es, Schogar Kan zu widersprechen und wird deßhalb ausgestoßen. Mit seinen ehemaligen Rudelgefährten flieht er nach Süden, in das Land, von dem die Vögel ihm immer berichtet hatten, daß es dort nie Winter würde.
Nach einer gefahrvollen Reise finden sie Aufnahme bei einer anderen Wolfsgruppe. Alle leben sich gut ein, und besonders die Kleinen haben das Waldland im Norden fast vergessen. Doch Schiriki träumt immer wieder von der Zukunft seines Volkes und weiß, daß er dem großen Leitwolf noch einmal gegenübertreten wird. Nur zögernd folgt ihm sein altes Rudel, als er sich auf den Rückweg in den Norden macht, denn sie habe Angst vor dem, was sie dort erwartet. Als sie schließlich auf die ersten Wölfe aus Schogar Kans Riesenrudel treffen, bietet sich ihnen ein erschreckendes Bild: Nach der ersten satten Zeit erwies sich das neue Gesetz untauglich für die Wölfe: Die Beutetiere waren alle geflohen oder umgekommen, und nun sind die Wölfe von Krankheit und Hunger gezeichnet. Sie schließen sich Schirikis Aufruf zum Widerstand gegen ihren Leitwolf an, aber als es zur Konfrontation kommt, steht der schwächliche Schiriki dem Großen Schwarzen allein gegenüber. Eindringlich appelliert er an Schogar Kans Schwur, daß er die neue Ordnung nie um seine persönliche Macht willen gewollt habe, sondern einzig zum Wohl des ganzen Volkes. Da aber das Volk krank und am Verhungern sei, fordert Schiriki, sei es an der Zeit, zum alten Gesetz zurückzukehren. Schogar Kan widerspricht nicht und zieht sich zum Ärger seiner letzten Getreuen zurück.
Müde und krank schleppen sich die alten Rudel wieder in die ehemaligen Jagdgebiete zurück und nehmen die alte Lebensweise wieder auf. Imiak und sein Rudel machen sich auf den Weg zurück in das Tal am See, den Ort, den sie auf ihrer langen Wanderschaft am meisten geliebt haben.
Käthe Recheis hat ein wunderbares Buch geschrieben, eine Tiergeschichte mit richtigen Tieren und ihren eigentümlichen Verhaltensweisen, aber auch eine Geschichte von verschiedenen Charakteren, die sehr differenziert gezeichnet sind, ohne daß sie zu sehr vermenschlicht werden. Gleichzeitig wird eine Parabel vom „richtigen“ Leben und Sterben vermittelt, die u.a. heißt: Es muß zwischen allen Lebewesen ein Gleichgewicht bewahrt werden, nie darf ein Volk auf Kosten aller anderen Völker sich Vorherrschaftsrechte anmaßen, denn das führt letztendlich auch immer zum Untergang der Herrschenden. Alle Lebewesen sind voneinander abhängig, keiner Spezies gehört die Erde allein.
Mit seinen über 500 Seiten ist der Roman ein Leckerbissen für Schmökerfreunde. An keiner Stelle ist er langatmig oder redundant, die genau beobachteten Landschaften zu den verschiedenen Jahreszeiten und bei ganz unterschiedlichem Wetter sind ein Beweis dafür wie meisterhaft Käthe Recheis Sprache handhabt, wie abwechslungsreich und präzise sie Natur schildern kann, mit viel Gefühl, doch nie sentimental. Mir haben diese sehr genau gesetzten Worte großen Spaß gemacht; soviel Stilsicherheit ist selten zu finden: Respekt!
Richtig verblüfft hat mich die Tatsache, daß ich erleichtert war, als in dem Roman kein Mensch auftauchte und davon ausgehend meine eigene Überlegung, wie schrecklich überflüssig der Mensch eigentlich in diesen Abläufen von Werden, Wachsen und Vergehen ist. Ich habe noch nie eine spannende Geschichte gelesen, in der Menschen so fehl am Platz gewesen wären wie hier. Fast muß man bedauern, daß es sie gibt, jedenfalls die Spezies Europäensis und die ihr verwandten Gruppen in Übersee, die den Rest der Welt so gnadenlos in den Klauen halten und sich einen Dreck um alle Gesetze des Lebens und der Harmonie zwischen den Geschöpfen dieser Erde scheren. (Nina Schindler)
In: >>> "1001 Buch" | 1995 / Heft 4-5, S. 126-128

Weiterführende Informationen:
>>> über die Autorin
>>> Website der Autorin Käthe Recheis
>>> Website der Illustratorin Karen Holländer
>>> über die Wolfsaga
>>> Leseprobe bei dtv

 
    65 Jahre Kinder- und Jugendbuchpreis der Stadt Wien
     Cover der Erstausgabe

    65 Jahre Kinder- und Jugendbuchpreis der Stadt Wien     Cover der aktuell lieferbaren Ausgabe   

   
 
Institut für Jugendliteratur     Mayerhofgasse 6 | A-1040 Wien     ++43-1-5050359     office@jugendliteratur.at